Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 21:25:55

Easy Going in der Rudi-Völler-Straße

Die footage WM-Kolumne # 22

Im Prenzlauer Berg in Berlin ist das Leben einfach und locker – auch und gerade während der WM. Ohne die derzeit landestypischen Leinwände kommt man aber auch hier nicht aus. Egal ob im Gun-Club oder etwa im Tante-Käthe-Club direkt am Mauerpark – eine Fussi-Locaton, die von den Ureinwohnern hier nur zu WM´s oder EM´s animiert wird. Dann werden die Straßen rund um den Club umbenannt und wir fahren durch die Sepp-Herberger-Allee über die Michael-Ballack-Straße direkt in die Rudi-Völler-Straße, wo England gegen Ecuador gegeben wird.

Das Publikum ist allerdings ein völlig anderes, als man es sonst von Kneipen mt solchen Details so kennt. Hier sitzen Menschen, die prinzipiell kein Bier trinken, die grundsätzlich auf das Fahrrad verzichten, weil das viel zu gefährlich sei und die finden, dass im Liegen sowieso alles besser zu ertragen sei – auch ein WM-Achtelfinale. Das Spiel England gegen Ecuador nehmen sie hin, wie sich das in dieser Gegend gehört – easy going. Als ich mich anpasse und mich in einem Legestuhl lümmele, mich ein bisschen für das Becks in meiner Hand schäme, frage ich mich ernsthaft, ob die Akteure auf dem Bildschirm aus Prenzlberg kommen. Die Mannen um David Beckham spielen so gemächlich und betäubend, dass es unbedingt in einem kausalen Zusammenhang liegen muss, dass ich gerade jetzt an diesem Ort bin. Als ich Posh Spice auf der Tribüne das Tor ihres Gatten bejubeln sehe, weiß ich, dass es anders ist, lehne mich zurück und schaue prompt auf einen Rudi-Völler-Schrein in der Nähe der Toiletten. Keiner kniet vor ihm und bittet Tante Käthe um ein besseres Spiel oder gar in weiser Voraussicht um den WM-Titel für die deutsche Elf. Da würde irgendwie auch nicht zum Tante-Käthe-Club passen. Der Nachmittag plätschert dahin und England gewinnt 1:0 gegen damit zufriedene Ecuadoraner – easy going eben.

Als wir nach Hause fahren, treffen wir einen weiteren Ureinwohner. Er fragt uns nach dem Tante-Käthe-Club. Er ist natürlich zu Fuß und erzählt, dass er bei sich zu Hause kein RTL empfangen kann. Wir zeigen ihm den Weg – durch die Sepp-Herberger-Allee über die Michael-Ballack-Straße direkt in die Rudi-Völler-Straße. Ich frage mich, ob er wohl gleich vor dem Schrein dafür betet, dass Holland raus fliegt – verwerfe den Gedanken aber gleich wieder und lasse mich genau zu diesem Spiel treiben. Easy Going eben. Dabei schwirrt mir durch den Kopf, dass ich mir morgen mal die Fanmeile gebe – draußen in der Stadt, auf der Straße des 17. Juni.

Autor: Sascha Theisen

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