Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



11.09.2010 03:47:57

PISA und WM

Die footage WM-Kolumne # 26

Zum Glück ist WM, dann redet endlich kein Mensch mehr über PISA. Die
schlimmste Diskussion diesbezüglich ist übrigens die, dass Erwachsene
bei PISA noch schlechter abschneiden als die Kinder. Auch die Diskussion
ist glücklicherweise verstummt.
Niemand ist inzwischen klüger geworden, aber keinem fällt es auf, weil
es egal ist. Außerdem haben wir subjektiv eben doch das Gefühl,
wesentlich klüger geworden zu sein. Wir wissen nun wo die Mannschaft
steht und wie wir sie international einzuordnen haben. Das ist doch
was?!

Die Zunahme an Merkfähigkeitsstörungen bei Erwachsenen spielt im
wirklichen Leben eben absolut keine Rolle. Und in Zeiten der WM erst
recht keine, weil man in den kleinen Taschenbüchern und WM-Planern das
machen darf, was man als Schulkind nie durfte: Man kann sich Notizen
machen und sie offen ablesen. Man kann sie sogar offen auf dem Tisch
liegen lassen und muss sie nicht in der Unterhose verstecken und auf dem
Klo lesen und sich einprägen. Wahlweise kann man sich sogar eine Zeitung
kaufen, wo auf einer Sonderseite jeden Tag die bisherigen Ergebnisse der
Vorrunde fein säuberlich in einer fortgeführten Tabelle nachzulesen
sind. Die reißt man heraus, steckt sie in die Hosentasche und hat die
Enzyklopädie des benötigten Weltwissens dabei. Wozu soll man sich noch
etwas merken, wenn man weiß, wo es steht? Man muss nur wissen, was es
bedeutet!
Was das mit Bildung zu tun hat?
Ablesen ist voll akzeptiert, solange man das Gelesene diskutiert. Daran
misst sich Bildung.
Was das mit PISA und dummen Erwachsenen zu tun hat?
Jeder vernünftige Erwachsene scheitert natürlicherweise an den
Mathematikaufgaben eines Neunjährigen. Das ist verständlich. Mag sich
der Kleine noch über seine erste gezogene Wurzel freuen, als Erwachsener
hat man viele Wurzelbehandlungen hinter sich und steht jeder weiteren
mit einer gewissen kritischen Distanz gegenüber.
Mag sich der Kleine doch von mir aus sogar die Ergebnisse vom Vortag
merken können. Pah! Er kann sie nicht einordnen, hat keinen Vergleich,
keine Vorerfahrung und so bleibt sein Wissen doch nur rudimentär. Man
sollte ihn also keinesfalls bei einem ernsthaften Gespräch über Fußball
zu Wort kommen lassen. Schulbildung hin oder her.
Ich bin der Frage der Bedeutung der Schulbildung in Zeiten der WM einmal
in einem wissenschaftlichen Feldversuch nachgegangen.

Gestern griff ich daher in ein Gespräch am Nachbartisch ein. Man
unterhielt sich über den glanzlosen Ballack und die physische Situation
von Arne Friedrich. Aus dem Nichts heraus glänzte ich mit Schulbildung
und wendete mich den beiden bemalten Fans zu. „Ich will ja nicht
stören“, begann ich. „Aber wusstet ihr eigentlich das Folgende? Iller,
Lech, Isar, Inn, fließen rechts der Donau hin. Altmühl, Naab und Regen,
sind dagegen links gelegen. Da staunt ihr, was?“

Die beiden nahmen ihr Weizenbierglas, standen auf und setzten sich, ohne
sich zu verabschieden, ein paar Tische weiter wieder hin und
diskutierten einfach weiter. Und was soll ich sagen? Sie diskutierten
profunde und eloquent und das obwohl sie nicht die leiseste Ahnung
hatten, wo die Flüsse sind, von denen ich sprach. Was nur wieder einmal
beweist:

1.) Bildung ist relativ
2.) Schulbildung wird überschätzt
3.) Beim PISA-Test werden einfach die falschen Fragen gestellt
4.) Erwachsene wissen genau das, was Erwachsene wissen müssen und
mehr eben nicht!

Und überhaupt ist alles egal in Zeiten der WM, solange man weiß wie es
Ballack geht und was der Unterschied von Physis und Psyche bei
Fußballern ist.

Ismaels Fischmord-Website

Autor: Ismael Fischmord

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