Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:56:31

Merchandising, Mode und Musik

Ein Besuch beim FC St. Pauli im Stadion am Millerntor

Manche Klischees mag man nicht mehr bemühen, aber manche lassen sich auch nicht vermeiden. Es ist halt einfach klirrend kalt hier auf dem Heiligengeistfeld, wo ich mich jetzt einem Stadion nähere, das so viel Mythos mit sich rumschleppt, dass man ihm fast ein paar zusätzliche Muskeln wünschen möchte.

Es schneit, es windet, unter mir nimmt der Boden langsam eine ziemlich glatte Grundstruktur an. Neben mir könnte man zwischen all dem alternativ angehauchtem Publikum denken, dass sich hier eine Menschenmasse zu irgendeinem Rockkonzert bewegt. Es geht aber um Fußball, der FC St. Pauli startet heute in die Rückrunde der Regionalliga gegen die Amateurabteilung des 1. FC Köln.

Das Kicken auf dem Kiez hatte nie viel mit modernem Fußball zu tun, aber von den Sympathien die Mannschaften wie Mainz 05, Arminia Bielefeld und Alemannia Aachen dank ihrer attraktiven Spielweise und ihrem Underdog-Image in dieser Saison einsammeln konnten, besitzen die Hamburger ganze Schiffsladungen. Der Fußballclub aus St.Pauli ist tatsächlich das Lebensgefühl geworden, das viele andere Vereine behaupten zu sein. Aber eben diesem Gefühl ist in der Nähe der Reeperbahn die Unbefangenheit abhanden gekommen, es wirkt inzwischen kalkuliert und ein wenig abgenutzt - so wie ein Nietenarmband in der Young Fashion-Abteilung von Karstadt.

Unter den 14000 Zuschauern, die sich die niveaulose Schneeballschlacht zwischen „Pauli“ und dem 1. FC Köln angucken, kann ich die Besucher an einer Hand abzählen, die nicht durch einen Totenkopf „gebrandet“ sind. Die Marketing-Abteilung des FC St. Pauli funktioniert so professionell, dass sich wahrscheinlich selbst Bayern München davon eine Scheibe abschneiden kann. Ein Hauch von Controlling und Projektmanagement schimmert über dem ach so kultigen „Freudenhaus der Liga“. Die netten musikalischen Einspieler von AC/DC („Hells Bells“ beim Einmarsch der Mannschaften) und Blur („Song 2“ bei Toren von St. Pauli) werden in der Pause direkt durch einen Song von den Toten Hosen relativiert. Ein wenig Charme bleibt nur hängen, wenn die Holztribüne bedenklich aber sympathisch unter den trampelnden Füßen knarzt. Es sind gemischte Gefühle, die mich beschleichen, nachdem das Spiel zu Ende ist.

Hoffnung für meine Zuneigung zum FC St. Pauli keimt erst wieder eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff auf. Dann stehe ich mit all den anderen Fans im „Millers“, einem der wichtigsten Treffpunkte nach dem Spiel.
Aus den Lautsprechern hört man den über jeden Zweifel erhabenen Billy Bragg, und nicht wenige Gäste summen mit. Zumindest diesen Moment gibt es dann wohl wirklich nur hier – ein paar Minuten lang ist der FC St. Pauli doch noch der etwas andere Fußballverein.

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Autor: Arne Jens

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