Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:56:45

"Trotz Cricket und Hockey die Nr. 1"

Ein Interview mit Chris Punnakkattu Daniel über seine Arbeit und den Fußball in Indien

Anlässlich der Asien-Reise der deutschen Fußballnationalmannschaft wird demnächst viel über die Gegner der DFB-Elf aus Südkorea, Japan und Thailand zu lesen sein. footage richtet seinen Blick nicht ganz soweit nach Osten und traf mit Chris Punnakkattu Daniel einen ausgewiesenen Kenner des indischen Fußballs zum Interview.

Der 23jährige kann einen atemberaubenden Lebenslauf vorweisen, von dem so mancher Fußballfan träumen dürfte. Chris arbeitet hauptberuflich als Mediengestalter, ist jedoch auch einer von zwei Chefredakteuren des führenden indischen Fußballportals www.indianfootball.com, fungiert außerdem ehrenamtlich als Berater des indischen Nationaltrainers Stephen Constantine und war vor zwei Jahren kurzfristig Teammanager der indischen U17-Nationalmannschaft.

footage: Wie kam es zu Deiner Tätigkeit als Teammanager der indischen U-17 Nationalmannschaft?

Chris Punnakkattu Daniel: Im Jahre 2002 hat IndianFootball.Com mit einigen anderen Partnern ein Projekt gestartet, um indischen Fußball in Deutschland populärer zu machen. Dazu gehörte die „International Indian Football Series 2002“ – ein Juniorenturnier, das in Remscheid ausgetragen wurde. Für dieses Turnier konnte IndianFootball.Com auch die indische U-17 Nationalmannschaft gewinnen.
Wir nutzten die Gelegenheit und kombinierten das Turnier mit einem rund zweiwöchigen Trainingslager für die U17 Indiens an der Sportschule Hennef, da dies eine optimale Vorbereitung zur U-17 Asienmeisterschaft einen Monat später garantierte.
Mein Kollege Arunava Chaudhuri und ich haben durch unsere Tätigkeit für IndianFootball.Com engen Kontakt mit dem indischen Verband und den jeweiligen Nationalmannschaften. Als Hauptorganisatoren für dieses Trainingslager und das logistische Prozedere wurden wir auch gleichzeitig zu Teammanagern der U-17 Nationalmannschaft.
Übrigens spielte unsere U 17 damals gegen die Junioren des 1.FC Köln mit einem gewissen Lukas Podolski, der auch zwei Tore gegen uns erzielte. Das Spiel endete aber unentschieden 3-3.

footage: Wie sieht deine Rolle als Informant bzw. Berater für den indischen Fußballverband aus?

Chris: Die Chefredaktion von IndianFootball.com pflegt einen sehr guten Kontakt zu verschiedenen Offiziellen und Spielern - so auch zum aktuellen Nationaltrainer Stephen Constantine. Wir tauschen uns regelmäßig per e-Mail aus.
Ein Beispiel: In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2006 wurde Indien in die Asiengruppe 3 mit Japan, Oman und Singapur gelost. Da leider keine Informationen zum Gegner Oman verfügbar waren, nahm Constantine meine Hilfe in Anspruch.
Als Anfang 2004 der Gulf Cup (die sogenannte Arabienmeisterschaft) stattfand, konnte ich ohne Probleme über Satellitenfernsehen an bewegte Bilder unseres Gegners Oman herankommen. So betätigte ich mich als „Spielbeobachter“ und schickte Kassetten an unseren Trainer, die dann zur Videoanalyse genutzt wurden.
Auch im weiteren Verlauf der WM-Qualifikation griff Stephen Constantine auf die Hilfe von IndianFootball.Com zurück. Wir versorgten ihn immer wieder mit aktuellen News aus den Lagern der Gegner oder auch mit ausführlichen Spielerlisten und Spielanalysen.

footage: Du lebst in Deutschland. Wie informierst du Dich für IndianFootball.com über die Entwicklungen im indischen Fußball?

Chris: Die Informationen erhalte ich aus erster Hand, von Clubs, Offiziellen, Trainern, Spielern – oder auch aus verschiedenen indischen Publikationen oder von befreundeten Journalisten.
Dabei muss erwähnt werden, dass wir von IndianFootball.Com alle Studenten bzw. Auszubildende sind und die Seite seit dem 10. April 1998 betreiben. Wir finanzieren uns aus eigener Tasche und sind daher sehr stolz uns heute als „India’s Premier Football Site“ etabliert zu haben.
IndianFootball.Com dient seit einiger Zeit auch als offizielle Informationsquelle und Ansprechpartner zum Thema „Indischer Fußball“ für den Weltverband FIFA und den asiatischen Verband AFC. Auch verschiedene internationale Medien wie die BBC oder auch die Deutsche Welle greifen auf uns als Experten zurück.

footage: Wie hat sich der Fußball in Indien in den letzten 50 Jahren entwickelt?

Chris: Indiens Fußball hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Die große indische Zeit waren die 50er und 60er Jahre, als man zu den besten Teams in Asien zählte. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen.
1950 wurden wir zum Beispiel zur WM in Brasilien eingeladen. Damals war es für uns noch üblich, barfuss zu spielen, was jedoch laut FIFA Regularien nicht erlaubt war. Somit wurden wir wieder ausgeladen. Doch Indien steckte den Kopf nicht in den Sand und zeigte der Welt, dass man auch barfuss Erfolg haben kann. Bei den XVI. Olympischen Spielen in Melbourne 1956 schafften die Kicker den Einzug ins Halbfinale und wurden erst von Jugoslawien besiegt. Dieser sportliche Erfolg für ein asiatisches Fußballteam konnte nur durch Südkorea bei der WM im eigenen Lande übertroffen werden.
Nach einer langen Durststrecke befindet sich der indische Fußball inzwischen wieder auf dem Vormarsch. So konnte sich zum Beispiel unser Landesmeister East Bengal Club 2003 die ASEAN Club Championship – vergleichbar mit dem UEFA-Pokal - sichern.

footage: Welchen Stellenwert nimmt der Fußball heute in Indien ein?


Chris: Der Stellenwert des Fußballs in Indien wird in Europa sehr stark unterschätzt. Fußball ist trotz Cricket und Hockey der Volkssport Nr.1. Fußball ist der Sport der Unter- und Mittelschicht Indiens, also der großen Masse! Spiele begeistern Jung und Alt. Stadien werden bei Derbys mit bis zu 120.000 Zuschauern gefüllt, die für eine unglaubliche Atmosphäre sorgen.
Das große Problem des Fußballs in Indien ist die schlechte Medienpräsenz und die unzureichende Vermarktung. So ist es zum Beispiel kaum möglich, an Trikots von indischen Vereinen oder der Nationalmannschaft zu kommen. Ich hoffe, dass sich in Zukunft einiges auf diesem Sektor verbessert und dem Sport zugute kommt.

footage: Wie lautet deine Prognose für den Fußball in Indien?

Chris: Die Entwicklung des indischen Fußballs ist stark davon abhängig, welche Schritte in der Zukunft unternommen werden. Dies bezieht sich nicht nur auf den indischen Verband oder die Vereine, sondern hängt auch davon ab, ob einige indische Spieler den Sprung nach Europa schaffen werden. Das Potential ist bei unseren Fußballern definitiv vorhanden und einige europäische Vereine haben auch schon ihr Interesse bekundet.
Geschafft hat es jedoch bisher lediglich Baichung Bhutia, der Kapitän der Nationalmannschaft, der drei Jahre lang beim englischen Drittligisten Bury FC unter Vertrag stand. Wer jedoch die dritte englische Liga kennt, weiß, dass die hier herrschende Kick-and-Rush-Mentalität technisch beschlagenen Spielern wie Bhutia nicht gerade zugute kommt.
Wir von IndianFootball.Com versuchen jedenfalls weiter eine Brücke zwischen den europäischen Vereinen und indischen Spielern zu bilden. Indien ist ja nicht nur vom sportlichen Aspekt her interessant, sondern auch was Marketing und Merchandising betrifft.

footage: Was kann der indische Verband dazu beitragen, um den Fußball im eigenen Land weiter nach vorne zu bringen?

Chris: Leider wird der indische Verband von ehrenamtlichen Helfern und zum Teil von Politikern geleitet. So ist zum Beispiel der Verbandspräsident Priya Ranjan Dasmunshi ein Minister im neuen indischen Kabinett um Premierminister Manmohan Singh. Es ist notwendig, dass eine professionelle Struktur geschaffen wird und neue sachverständige, festangestellte Mitarbeiter ihren Beitrag zur Entwicklung des Fußballs in Indien beitragen. Dann würde es wohl auch nicht mehr vorkommen, dass sich die indische Nationalmannschaft – wie schon geschehen – mit zwei Länderspielen pro Jahr begnügen muss.

footage: Wann wird Indien zum ersten Mal an einer Fußball-WM teilnehmen?

Chris: Wir können realistisch gesehen auf eine Teilnahme bei der WM 2010 in Südafrika hoffen. Es gibt immer wieder Überraschungsmannschaften, die den Sprung in das Hauptfeld schaffen. Um das Ziel 2010 zu schaffen, muss kontinuierlich gearbeitet werden und der positive Trend der letzten Jahre fortgesetzt werden. Mein Traum war es natürlich, unsere Jungs schon bei der WM 2006 in Deutschland begrüßen zu dürfen, was jedoch nicht mehr möglich ist...

footage: In Brasilien oder Argentinien gilt Fußball vor allem auch als Chance, der Armut zu entfliehen. Wie ist das in Indien?

Chris: In Indien ist das im Prinzip ähnlich, der Fußball hat allerdings nicht diese ultimative Bedeutung wie in Brasilien oder Argentinien, weil indische Eltern eher auf eine solide Schulbildung ihrer Kinder setzen, um damit eine sorgenfreie Zukunft ihres Nachwuchses zu sichern.
Trotzdem gibt es einige Projekte, wie z.B. die India Youth Soccer Association (IYSA), die sich um speziell Straßenkinder kümmert, um ihnen über den Fußball einen Weg aus der Armut zu ebnen.

footage: Religion spielt eine große Rolle in Indien. Wie äußert sich das in Bezug auf den Fußball?

Chris: Es ist richtig, dass Religion ein fester Bestandteil der indischen Kultur ist und sich auch im Fußball wiederspiegelt. Jedoch besteht meiner Ansicht nach kein allzu großer Unterschied zu der Bedeutung der Religion im sonstigen internationalen Fußball. Es gibt überall Fußballer die sich auf dem Feld bekreuzigen oder ein Gebet sprechen. Ebenso verhält es sich mit indischen Kickern.
Ein erwähnenswerter Unterschied ist die Existenz von Teams die einer bestimmten religiösen Gesinnung angehören. So kommt es ab und zu vor, dass man auf rein moslemische oder rein hinduistische Clubs trifft. Solche Vereine sind - verständlicherweise - auch nicht für alle Sponsoringangebote offen.

footage: Es gab ja nach und vor dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Iran viele Diskussionen darüber, dass keine Frauen im Stadion sein dürfen. Wie ist das in Indien?

Chris: Indien gilt nicht umsonst als die größte Demokratie der Welt. Frauen gehen bei uns ebenso ins Stadion wie Männer, und alle zusammen veranstalten dann ein großes Spektakel mit Trommeln und Gesängen.

footage: Was sind die größten Unterschiede zwischen dem Fußball in Indien und dem Fußball in Deutschland?

Chris: Der deutsche Fußball lebt vom Kampfgeist und einer starken Physis. Indische Fußballer sind technisch beschlagene und relativ schnelle Spieler. Defizite sind in der Physis vorhanden - viele Fußballer besitzen nicht die körperliche Fitness und Stärke sich gegen großgewachsene Spieler durchzusetzen. Wie wir in den letzten Jahren sehen konnten, kann dies jedoch durch richtiges Training und Auslandserfahrungen beseitigt werden. Daher ist es sehr wichtig, dass junge Spieler eine Chance in Europa erhalten und Erfahrung sammeln. Ich bin überzeugt, dass junge Spieler wie z.B. Jerry Zirsanga, Gouramangi Moirangthem Singh, Warundeep Singh oder Vimal Periyar sich in Europa durchsetzen könnten.

footage: Gibt es in Indien eine Beziehung zwischen Fußball und Popkultur?


Chris: Fußball verbindet Völker und trägt zu Freundschaften bei! Fußball ist sowohl in Deutschland, als auch in Indien ein fester Bestandteil der Kultur.
Und unser Kapitän Baichung Bhutia hat inzwischen sicherlich die Bedeutung eines Popstars erreicht.

footage: Vielen Dank für das Gespräch!

Webtipp: www.indianfootball.com

Mail an footage


Autor: Arne Jens

Fanbox
footage on Facebook
Corner Store
Gute Links
Top 5 Songs Juni 2010

Don't be a jerk Johnny - The Drums

You'll come home again - Maximillian Hecker

Thieves in the night- Hot Chip

La wally - Maria Callas

Take a sip - Bobby & Blumm

Shop