Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:56:52

Zwei Pfund auf den Skoucher

Beobachtungen aus Anfield

„He is a Skoucher and I hope he´ll stay“ – der Taxifahrer, der uns am Vorabend des Spiels von der Liverpooler Kneipenmeile ins Hotel brachte, war zweifellos ein Anhänger von Didi Hamann. Ein „Skoucher“ – so erklärte er uns – ist jemand, der so lange für den FC Liverpool die Knochen hingehalten hat, dass die Fans der Reds ihn zu jemanden der ihren machen – ihn eben einen „Skoucher“ nennen.

Yep – wir waren angekommen im Herzen des Fußballs, wenigstens hatten wir seit Jahrzehnten fest geglaubt, dass Liverpool – dass Anfield genau das sein musste. Die ausnahmslos durchschnittlichen Pubs unserer Kneipen-Tour hatten uns zwischenzeitlich ernsthaft daran zweifeln lassen. Deren Reiz bestand meistens nur aus einem Schild am Eingang, das darauf hinwies, wann und warum die Beatles genau hier einst dem Frosch die Locken gestutzt hatten. Mittlerweile sind dafür nur noch seltsame Engländerinnen zuständig, deren Röcke und Stiefel mehr an Silvia Saint als an die „Fab Four“ erinnern lassen.



Aber gut – dieser Taxifahrer war nun endlich der Fleisch gewordene Empfangsengel Anfields, der uns neben seiner eigenartigen Bewunderung für Didi Hamann ganz nebenbei die goldenen Siebziger und Achtziger des FC. Liverpool in schillernden Farben ausmalte. Der Mann war genial umschattet und ich bin sicher, dass nicht viele Liverpooler den Ehrentitel „Skoucher“ verleihen dürfen – er allerdings war definitiv einer der Anführer dieses Schiedsgerichtes.
Top-präpariert und Hamann-infiziert (was zuvor keine einzige Aktion Hamanns in sieben Jahren Nationalmannschaft zu Wege gebracht hatte, schaffte also ein irrsinniger Engländer während einer 7 Pfund teuren Taxi-Fahrt) machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg nach Anfield, mitten im Arbeiterviertel der Stadt – zum Spiel gegen Southampton.
Die Tatsache, dass der „Skoucher“ mit keiner Silbe im eigentlich lückenlos recherchierten Vereinsmuseum in den Katakomben Anfields erwähnt wurde, verunsicherte uns nicht im Geringsten – wir wussten es schließlich besser und zwar aus absolut untadeliger Quelle. Außerdem waren die Bilder der Europacup-Triumphe um Legenden wie Kenny Daglish, Graeme Souness oder Bill Shankly, aber auch die aus Sheffield oder Brüssel beeindruckend genug. Hier war die großartige Historie der Reds tatsächlich für einige Momente greifbar. Unter anderem aus diesem Grund tat uns auch kein einziges der 60 Pfund weh, die wir jeweils für ein Trikot mit der Nummer 16 und dem leuchtenden Schriftzug „Hamann“ ausgaben. Andere Fan-Utensilien kamen eh nicht in Frage. Irgendwie verliert der eigentlich große Satz „You´ll never walk alone“ an Bedeutung, wenn er gleichermaßen auf Baby-Lätzchen, Weingummi oder Taschentüchern steht – obwohl er auf Kondomen schon fast wieder witzig daher kommt.

Nachdem wir uns durch den sensationell schmalen Stadioneingang gequetscht hatten und die eher fade Stadionwurst – Format: „Heiße Hexe“ – verhaftet hatten, wartete ein typisch englisches Stadion-Highlight auf uns: Ladbrokes. Über den führenden Wettanbieter auf der Insel kann man gleich im Stadion auf das bevorstehende Spiel wetten und zwar nicht nur das nackte Ergebnis, sondern auf nahezu alles, was in den 90 Minuten da unten passieren könnte. Klar, dass wir den Skoucher bemühten, um die schnelle Mark zu machen: „Liverpool wins 4:0. Hamann scores the last Goal“ – 800 Pfund für zwei. Was für ein Geschäft!

Überhaupt schienen einige Besucher noch über Ihren Wetten zu brüten, denn 20 Minuten vor dem Spiel war das Stadion gerade mal zur Hälfte gefüllt – unglaubliche zehn Minuten später alle Plätze besetzt. Ein Phänomen, das wir eigentlich eher in München als in Liverpool erwartet hätten.

Was anschließend der gesungene Bestseller aus dem Fanshop – vorgetragen von der Hälfte aller Anwesenden, aber eben stark gestützt durch die Stadionlautsprecher – nicht schaffte, erreichte eine Schweigeminute für die Opfer der Flutkatastrophe in Asien. 60 Sekunden Totenstille und der anschließende uniforme Schrei aus 50.000 Kehlen war englische Atmosphäre pur und verdeutlichte die Vorstellung der hier versammelten Menschen, wie das Leben nach Katastrophen weiterzugehen hat.



Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Die Reds gewannen in einem schwachen Spiel 1:0 dank eines überragenden Steven Gerrard und trotz einer Vollkatastrophe auf rechts, Salif Diao aus dem Senegal. Der „Skoucher“ kam eine Minute vor Schluss ins Spiel und versuchte nicht mehr wirklich noch drei Tore zu schießen, damit zwei seiner Landsleute der Liverpooler Kneipenmeile noch einmal eine Chance geben könnten. Die viel zitierte Anfield-Atmosphäre auf den Rängen – inklusive des legendären „Kop“ – hielt der Legende nicht wirklich stand. Innerhalb von fünf Minuten nach dem Schlusspfiff leerte sich das Stadion und nur ein paar Touristen fotografierten sich gegenseitig (ja, ja auch zwei Deutsche...).



So war Anfield nichts gegen den Aachener Tivoli, den wir sonst alle zwei Wochen besuchen – aber alleine diese Erkenntnis war die Reise wert. Und – hey – außerdem tragen wir nun im Sommer auf der Jahnwiese das Trikot eines echten „Skouchers“ – auf dass unsere Kumpels vor Neid erblassen mögen!

Autor: Sascha Theisen

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