Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:56:58

Weniger Tat als Ort

Über ein Refugium deutscher Fernseh-Unterhaltung

Der Mensch braucht Dinge, auf die er sich verlassen kann – Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr, niedrige Durchschnittstemperaturen im Frühling oder die eine Fernsehsendung, die man sich immer anschauen kann.

Früher war es die Harald Schmidt Show auf SAT 1, die mich am späten Abend sicher in die Müdigkeit begleitete. Auch gegenüber härtesten Konsumkritikern konnte ich sie als Rechtfertigung für den Besitz eines TV-Gerätes anführen.
Nachdem sie aber von der Unter- in die Oberschicht gewandert ist, hat sie nicht nur die Nähe zum gemeinen Volk sondern auch viel von ihrem anarchistischem Charme verloren. Manuel Andrack schreibt möglicherweise gute Wanderbücher, aber lustige Bemerkungen lässt er nur noch selten fallen. Und Harald Schmidt hat genau das bis jetzt noch nicht bemerkt.

An die Stelle von Schmidt ist ein alter Bekannter getreten. Der „Tatort“, der manchmal unter dem Decknamen „Polizeiruf 110“ oder „Die Männer vom K3“ auftritt und so Verwirrung stiften will, verleiht jedem noch so deprimierenden Sonntagabend eine gewisse Milde. So als könnte er genau die Wärme spenden, die einem die letzten Minusgrade aus dem Körper treibt.

Warum der „Tatort“ nicht schon früher das beste deutsche Fernsehformat gewesen ist, lässt sich schwer erklären. Man könnte die mangelnde Konkurrenz als Grund anführen oder die Expansion mitten in die ländlichen Gebiete hinein – denn mittlerweile gibt es wohl von Kiel bis zum Bodensee kaum eine Gegend in Deutschland, die nicht ein paar Kommissare der ARD für sich beanspruchen darf.

Doch die wahre Qualität des „Tatort“ liegt in einer veränderten Herangehensweise. Vordergründig geht es immer noch um eine Tat und deren Aufklärung, aber das Erfolgsgeheimnis der Sendung liegt im Ort, und der Stimmung drum herum. Nicht so sehr wegen des Quäntchens Lokalkolorit, das in München, Köln oder Münster zu Tage tritt. Es ist vielmehr die Mischung aus den stimmigen Figuren und Milieus, die man mühelos oder mitfühlend aus eigener Erfahrung wieder erkennt. Die Ermittler sind große Helden des Alltags, die genau das Maß an Verzweiflung mit sich herum tragen, das perfekt zum niedergeschlagenen Charakter eines vorüber gegangenen Wochenende passt. Und auch wenn die etwas schwerfälligeren Kommissare aus Saarbrücken oder Ludwigshafen in Aktion treten, fühlt sich man dem „Tatort“ verbunden in der eigenen und seiner nur allzu menschlichen Durchschnittlichkeit. Und an die kann man sich gewöhnen - so wie an den Vorspann, der sich seit 35 Jahren nicht verändert hat.

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Autor: Arne Jens

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