Je höher man geht, je steiler die Ränge abfallen, desto mehr Adrenalin schießt einem in die Adern. Einerseits bin ich berauscht wie die übrigen 64.000, freue mich dass Deutschland nun auch ein Stadion vom Kaliber Old Trafford, San Siro und Nou Camp besitzt, andererseits befürchte ich, dass die Bayern die Liga in diesem Kessel noch mehr dominieren werden. Egal, verdrängt, jetzt ist ja erstmal Sommerpause. Irgendwie ist es immer etwas unwirklich, wenn man so ein nigelnagelneues Stadion betritt. Zugegeben, auch als Anti-Bayern-Fan: die Schüssel ist megageil! Jeder durchschnittlich erfahrene Groundhopper fühlt sich sofort ans Estadio Santiago Bernabeu erinnert, dort ist die Atmosphäre ähnlich eng und bedrängend. Nur ist die marode Real-Heimstätte im Vergleich zum Fröttmaninger Architekturwunder ja ziemlich alt. Man kann ja auch nicht Catherine Denéuve mit Cameron Diaz vergleichen.
Im dritten Akt der Inauguration spielt der FC Bayern gegen den TSV 1860. Es ist das 201. Münchner Derby, das erste im neuen Wohnzimmer von Uli Hoeneß. Doch der Kick gerät schnell zur Nebensache. Es ist wie eine Besichtungstour mit Einlagespiel. Bei den Bayern sind viele Amateure auf dem Rasen und einige A-Jugendliche. Harald Cerny kommt auf rechts dennoch an keinem vorbei. Edelreservist Jens Jeremies darf Kapitän spielen, Kalla Pflipsen für einige letzte Minuten das Liqui Moly spazieren tragen. Die Fans berauschen sich autoerotisch via La Ola. Dazu gibt’s rote Bratwürste und Paulanerbier. Toll, wie das mit den Bezahlkarten auf Anhieb funktioniert. Nervig sind nur die pompösen Variositze in den Stehkurven, sie nehmen viel Platz und Stimmung weg.
Dieser Kasten schreit ja förmlich nach Champions-League: Makaay, Ballack und Deisler gegen den FC Barcelona. Das wär’s! Ach ja, zur Dominanz der Roten: Das Premierenderby gewinnen die Löwen. Sie sind jetzt Arena-Meister. Paule Agostino, vor wenigen Stunden Vater geworden, netzt fünf Minuten vor Schluß zum glücklichen 1:0 für 1860 ein. Und 40.000 Bayernfans halten für ein paar Minuten andächtig die Schnauze. Der Zweitligist juchzt. „Deutschermeisterpokalsiegerbesieger“, neue T-Shirts sind schon in Druck. Die Party in der Sechziger-Kurve wird nur noch übertroffen vom herrlichen Farbenschauspiel der Außenhülle. Erst weiß, dann rot, dann blau. Alle sechs Minuten wechselt das Licht. Viele drehen sich auf dem Weg zur U-Bahn immer wieder um, in der Angst, das Raumschiff könnte womöglich in eine ferne Galaxis entschweben.



