Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:57:19

Der Fluch der Deutschland-Spiele

EM-Kolumne # 4

Deutschland-Spiele sind wie Sylvester-Partys. Jeder meint an diesen Tagen etwas ganz Besonderes erleben zu müssen. Etwas, das enorm knallt und von dem man noch lange spricht. Erbarmt sich jemand und stellt selbst etwas auf die Beine, hört er nicht selten Sätze wie „Klingt super. Mal sehen, ob ich komme.“ Bis kurz vor dem Event – Sylvester oder DFB-Kick – schweigt der Eventuell-Gast. Alle Möglichkeiten offen halten, ist angesagt! Zusage gleich Todsünde – man könnte ja den hochkarätigen Kracher verpassen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch ich war schon viel zu oft Opfer meines flegelhaften Betragens in dieser Hinsicht. Folge: Meist endete ich dann just zu Sylvester auf total lahmen Partys oder stand während großer Spiele bei 30 Grad im Schatten mit besoffenen Hammerwerfern vor einer viel zu großen Leinwand.

Selten wurde all das drastischer klar als in diesen EM-Tagen. Kurz vor den Spielen der Deutschen herrscht Ausnahmezustand in Städten wie Köln, Berlin oder Hamburg. Ganze Schwärme von Menschen irren umher auf der Suche nach der idealen Leinwand, nach der bombigen Kneipe mit grandiosen Frauen, guter Sicht und überschwänglicher Stimmung. Selten werden sie fündig, da sie sich viel zu spät für eine Kneipe entscheiden.
Gut beraten sind derzeit die Feuerfesten! Die, die auch in Zeiten von allgegenwärtigen Fußballpartystress, guten Gewohnheiten treu bleiben. Leute, die in ihre Stammkneipe gehen, um eben dort Fußball zu schauen, so wie sie es immer tun. Dies erweist sich dann meist als beste Wahl – ähnlich einer Kellerparty mit den besten Freunden zu Sylvester, für die man sich schon im September entschieden hat.
Aber Vorsicht: Die adrette Fußball-Atmosphäre in der Stammkneipe des Vertrauens spricht sich herum. War die gute Stube beim ersten Spiel noch übersichtlich gefüllt, platzt sie beim, von allen Medien zum Multi-Kulti-Spektakel gehypten Halbfinale, aus allen Nähten. Gute Freunde und bewährte Stammgäste laufen Gefahr, draußen bleiben zu müssen. Grund: Mittlerweile hat selbst der letzte Vollspaten mitgekriegt, dass echt was abgeht in Deutschland, wenn die Nationalmannschaft kickt. Die Folgen sind verheerend: Die Stammkneipe spricht sich als Geheimtipp herum. Als Stammgast ist man fortan gezwungen, sich bereits um 18 Uhr einen Platz sichern für ein Spiel, das um 20.45 Uhr angepfiffen wird. Da sitzt man dann mit schlecht gelaunten Schülerinnen, die von ihren eher schlichten Fußball-Freunden mit in den Geheimtipp geschleppt wurden. Mit Strategen, die die deutsche Elf nach einer halben Minute mit den Worten „Wenn ich so arbeiten würde, könnte ich mir einen neuen Job suchen“ abtun. Und mit Leuten, die eine derart tranige Stimmung verbreiten, dass der Wirt und Kneipenbesitzer nach dem Spiel nicht mehr zu beruhigen ist und am nächsten Sonntag lieber den Tatort als das EM-Finale mit deutscher Beteiligung zeigen möchte – Umsatz hin, Umsatz her.

All das sollte eigentlich nicht mehr wirklich verwundern. Alle zwei Jahre ist es das Gleiche: Gegen Ende der Vorrunde werden vorherige Fußball-Ignoranten zu glühenden Tifosi mit schwarz-rot-goldener Schminke auf der Wange und Schweinsteiger-Trikots um die Hüften. Sie überfallen die Orte, an denen man selbst das ganze Jahr über sogar Spiele wie Schalke 04 gegen Rosenborg Trondheim oder 1.FC Köln gegen Alemannia Aachen schaut. Sie singen lauthals den furchtbaren Song der nicht weniger furchtbaren Revolverhelden und sie haben noch heute einen Hals auf alle Italiener, die ihnen vor zwei Jahren die Party versaut haben. Kurz: Sie machen das kaputt, was man vor ein paar Jahren noch sein Eigen nennen konnte – große Turniere. Denn wir erinnern uns: Europameisterschaften und Weltmeisterschaften galten in den Achtzigern und Neunzigern noch als derart plump, dass sich überhaupt erst gar keine Kneipe traute, Spiele live und auf großen Fernsehern zu zeigen. Wer etwa 1986 Andi Brehmes abgefälschten Freistoss im Halbfinale gegen Frankreich mit einem Hupkonzert gefeiert hätte, wäre wahrscheinlich von den Frauen seines Wohnortes zur Persona non Grata erklärt worden und hätte mit körperlichem und seelischem Liebesentzug bis in die späten Neunziger rechnen müssen.

Wie auch immer – ich war am Mittwoch in der Kneipe meines Vertrauens. Ich nenne ihren Namen nicht, damit sich nicht noch mehr herum spricht, wie gut sie ist. Im Viertelfinale erlebte ich dort den wahrscheinlich emotionalsten Fußball-Abends meines TV-Fanlebens. Das Halbfinale und der Medienhype darum, brachte ihr einen Haufen Eventfans, die ihr für diesen einen Abend etwas von ihrem ganz eigenen Zauber nahmen. Zum Glück nur für diesen einen Abend. Denn nachher wütete der Hausherr vor der Tür wie zuvor Jogi Löw in Basel und machte unmissverständlich klar, wen er in seinem – so wörtlich – „Scheiß-Laden“ haben möchte und wen nicht. Er war betrunken, nahm kein Blatt vor den Mund und sprach die Wahrheit. Ich hoffe, er öffnet seine Bar am Sonntag trotzdem. Wenn ja – gehe ich mit ihm da durch und werde da sein – von mir aus auch wieder drei Stunden vor Spielbeginn. Es heißt, dagegen zu halten in diesen Tagen! Und in ein paar Wochen schaue ich dann wieder Aachen gegen Koblenz vor Ort. Und übrigens: Meine Sylvester-Party für dieses Jahr – die habe ich vorgestern klar gemacht. Da bin ich schon mal safe.

Leserbrief an footage

Autor: Sascha Theisen

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