Ich nehme alles zurück. Meinen Pessimismus im Vorfeld, meine ich. Hab’ mich geirrt. Es war ein tolles Turnier. Die EM 2008 hat Spaß gemacht – wegen der Halbzeitschnittchen, der Türkei, Tonis Torflaute, den spanischen Europameistern Xavi und Fabregas, wegen Frau Müller-Hohenstein, wegen Schweinski, wegen Kunstrasen, Peppi Hickersberger, wegen der 13.000 hübschen Mädels beim Public Viewing, wegen Kloppo und der österreichischen Leidenschaft. Okay auf die Feier-Vorschriften der Uefa, Poschmann, Urs Meier, Griechenland, Kerner, Rosetti und Alex Freis unglückliche Verletzung hätten wir gut verzichten können. Aber sonst war’s doch ein wahres Fest, dieses Turnier.
Noch lange werde ich an die Spielkultur der Holländer zurückdenken. Drei Siege und 9:1 Tore in der Vorrunde. Dieser hypergeniale Konter und dann Wesley Sneijders 2:0 gegen die Pizzabrüder. Oder Arjen Robbens Sprint an der Außenlinie und Robin van Persies 3:1 gegen Frankreich. Ein Hochgenuss! Diese Truppe macht Lust auf mehr.
Wer Näheres erfahren will über die Geheimnisse dieses Fußballs, die Historie, mehr über Johan Cruyff, Wim van Hanegem, Rob Rensenbrink, Arie Haan und Rinus Michels, dem empfehle ich das Buch „Oranje brillant“ von David Winner (aus der internationalen Reihe „Ball und Welt“, Kiepenheuer & Witsch, 7,95 Euro). Geschrieben von einem verrückten Engländer, der in den niederländischen Total Football verliebt ist. Wirklich ein sehr geiles Buch! Es existiert schon länger, aber erst seit kurzem auf Deutsch. Winner hat lange in Amsterdam gelebt und philosophiert so gerne und gekonnt über die Idee des holländischen Fußballs. Heute morgen, in der U-Bahn habe ich darin das Interview mit Johnny Rep gelesen - und bin prompt zwei Stationen zu weit gefahren. Darin erzählt der Stürmer vom verlorenen WM-Finale am 7. Juli 1974. Jeder Holländer weiß noch genau, was er an diesem Tag gemacht hat, so groß ist das Trauma. „Wir haben nach dem frühen 1:0 angefangen, die Deutschen lächerlich zu machen und sie sind immer wütender geworden“, erinnert sich Rep in der Rückschau.
Deutschlands blasse 90 Minuten im Finale, Ballacks fehlende Präsenz, Metzelders Patzer, Kloses Müdigkeit von gestern abend in Wien werden dagegen hoffentlich sehr schnell vergessen sein. Da bleiben kitschige Details aus dem Grundrauschen der Euro 2008 noch eher im Gedächtnis. Ereignisschnipsel, Bilder, Zwischentöne, Gefühle, Melodien. Zum Beispiel Christina Stürmer natürlich. Fieber. Das Lied berauscht mich. „Wir haben Fieber, komm’ sei’ dabei!“ Schade. Jetzt ist all’ das Geschichte.
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