Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 21:13:47

3,2,1 - Killerspiele sind schuld

Wie die Politik die Jugend ignoriert

Fassungslosigkeit. Unbegreiflichkeit. Entsetzen! Da sind sie wieder, die gängigen Synonyme für Ratlosigkeit, die jede Figur öffentlichen Interesses aus der Kiste für Notfälle holt, wenn sie sich mit „dem Unfassbaren konfrontiert“ sieht. Und nach dem nunmehr dritten Amoklauf in einer deutschen Schule kann der medienerfahrene Bürger dann auch gleich den Countdown runterzählen: 3-2-1. Killerspiele-sind-schuld.

Beim Amoklauf in Winnenden hat es – immerhin – nun doch fast zwei ganze Tage gedauert, bis man wieder nach einem Verbot der mysteriösen Gewaltverherrlicher ruft, nach dem Ende der Killerspiele, die „keine Frage der Medien- und Kunstfreiheit mehr“ seien (Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, CSU). Aber wessen „Frage“ sind sie dann? Die interessante Antwort darauf bleibt offen, denn zu routiniert kommt der übliche Nachsatz. Zu schnell wird ausgewiesen, dass eben jene Spiele die (griffigste) Gemeinsamkeit derer bilden, die Amok gelaufen sind. Konsequenz: Verbot. Fall: abgeschlossen. Was folgt, ist fast schon bitterere Routine: Der (hierzulande durchaus abstrakte) Ruf nach schärferen Waffengesetzen hallt durch die Medienlandschaft, Metalldetektoren in Schulen werden gefordert, man denkt ganz offen über die totale Kinderkontrolle per digitaler Schulzugangskarte nach. Und dem kreativsten Beitrag aus der Politik – dem Wunsch nach mehr Kontrolle von Schützenvereinen (!) – kann selbst der geistreichste Spötter allenfalls noch mit einem Verbot von schwarzer Kleidung begegnen: Die wurde nämlich sowohl in Littleton, als auch in Kauhajoki oder Erfurt getragen. Ebenso in Winnenden.

Wehe nun aber dem, der diesen Kreislauf durchbricht. Wer es wagt, so nah an der Tat eines so offenkundig verstörten jungen Mannes (unter rund 9,5 Mio. 15 bis 25jährigen in Deutschland (DStatis, Stand: 2007)) „Killerspiele“ als moderne „Räuber und Gendarm“-Variante zu „relativieren“, gilt als kurzsichtig und geschmacklos. Jeder noch so vorsichtige Hinweis darauf, dass die gebetsmühlenartige Wiederholung des K-Worts ebenso als ignorante Relativierung verstanden werden kann, als ein sorgfältiges „auf-Distanz-Halten“ des undurchdringlichen Phänomens „Jugend“, geht unter. Jeder Versuch, zur Abwechslung mal eine konstruktive Auseinandersetzung mit jener blutrünstigen Spieleabteilung der geheimnisvollen „Popkultur“ zu wagen, disqualifiziert jetzt. Wer verbieten kann, muss sich scheinbar nicht mit Inhalten auseinandersetzen.

Und medial scheint diese Strategie der Verantwortungsverweigerung durchaus erfolgreich zu sein: Spieler-Communities im Internet werden selten als einfache Gemeinschaften gesehen, scheinen der Öffentlichkeit vielmehr als Verschwörungszimmer chattender Mörder zu gelten, mit denen es aufzuräumen gilt. Hinweise darauf, dass „Counter Strike“ oder „Medal of Honor“ bereits umfassend dem Jugendschutzgesetz unterworfen sind, ja, dass es zudem sogar Ligen gibt, in denen ganz offiziell völlig normale – und völlig volljährige – Menschen gemeinsam Computerspiele spielen, werden ebenso selten wie stets stirnrunzelnd zugelassen.
Und es wird sicher nicht mehr allzu lange dauern – dieser Erfahrungswert ist mittlerweile wohl auch traurige Wahrheit – bis selbst kritische Medien umsatteln, von offenen Fragen nach mehr Investitionen in Lehrerausbildung und Schülerbetreuung, nach Kosten für Psychologen, und vor allem einem tatsächlich auch für die Jugend interessanten, zukunftsfähigen Schul- und Sozialsystem ablassen, und stattdessen diejenigen „Experten“ einladen, die Blutbäder in Killerspielen möglichst dezidiert beschreiben können – Pauschalurteil inklusive.
Seriöse Versuche der Beschäftigung mit der Auswirkung von Spielen überzeugen bereits jetzt oftmals mehr durch das Schüren von Ängsten, als durch Kompetenz – ja, wer böswillig ist, könnte hier die Broschüre eines bekannten TV-Senders heranziehen: In dem ist von „Grand Thief Auto – San Andreas“ die Rede, einem Spiel mit Gewaltdarstellungen. Das schockt – bei Jugendlichen wird aber wohl eher hängen bleiben, dass nicht einmal der Name eines der bekanntesten Spiele der Welt korrekt geschrieben ist. Klingt kindisch? Gut, denn genau darum geht es: Wer seine Jugend derart außen vor lässt, müsste eigentlich auch den Mord in einer Vorabendserie als Inspiration für reales Morden identifizieren können. „Die Jugend“ kann sich derweil damit beruhigen, dass sie längst weiß, wie albern das Verbot von Killerspielen ist: Gerade durch die Ängste der Älteren zum Faszinosum promoviert, werden die Programme auf Ewig im Internet zu bekommen sein, wie etwa Napster und Nachfolger mühelos belegen. Um es mit der dieser Tage laut zu hörenden Stimme des Boulevards zu sagen: Liebe Damen und Herren da oben, man kann diese Spiele gar nicht verbieten! Es ist Zeit, sich mit seinen Kindern zu beschäftigen.

Letztlich aber wird auch nach dieser Bluttat irgendwann mediales Gras über die Sache wachsen, werden andere Themen gefunden. Die Angehörigen der Opfer müssen irgendwann alleine trauern, und vielleicht erneuern Bund und Länder Anleitungen zum Verhalten in Extremsituationen, die die Pädagogen dann in ihrer – dem Klischee nach – bestens vergüteten Freizeit freiwillig durcharbeiten können.
Tja, und jene stets übergewichtigen und immerzu einsamen Spieler, die, Fastfood essend, ein Dasein als tickende Zeitbombe fristen? Die bleiben wohl weiter ungehört in ihren immerzu abgedunkelten Räumen – bis zu nächsten Ankündigung im Internet oder vielleicht dem ersten „Suicide by Cop“…
Möglicherweise ist das aber auch besser so, denn die Auflösung eines Mysteriums wie das der Killerspiele würde doch Taten wie die von Winnenden noch ein Stück weit weniger fassbar machen: Besonders dem Sprachduktus gesellschaftlicher Reaktionen fehlte schließlich sein Gebetsmühlenjoker, käme heraus, dass vielleicht nicht ein ohnehin indiziertes Spielformat, sondern die fehlende soziale und gesellschaftliche Unterstützung und Vorbereitung Jugendliche dazu veranlassen kann, von einer Pixelwelt im Web auf die Realität zu schließen.

Leserbrief

Autor: Henning Geisel

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