Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 21:26:40

Liebling der Nordkurve

Charly Neumann war die gute Seele von Schalke 04. Die Kultfigur der Knappen verstarb im November 2008. Jetzt ist ein interessanter Nachruf auf den Oberfan der Königsblauen erschienen, mit lustigen Anekdoten über „Mister Schalke“.

Es war sicher eines der schlechteren Bundesligaspiele an diesem Samstag den 12. März 1994 im Nürnberger Frankenstadion. Schalke (damals noch mit Lehmann, Büskens, Mulder und Nemec) wirkte extrem abgeschlafft und uninspiriert, der „Club“ gewann glücklich mit 1:0 - durch ein Eigentor von Ingo Anderbrügge. Besonders wurde dieser Nachmittag für mich durch eine kleine Begebenheit am Rande, und zwar vor dem Anpfiff. Ich arbeitete als freier Journalist für das ZDF und ging etwas gedankenverloren über die Tartanbahn im Innenraum.

Es war zirka 15.20 Uhr, gleich würden die Spieler aus dem Tunnel aufs Feld laufen. Ich dachte in diesem Moment an gar nichts. Plötzlich stand er vor mir: Charly Neumann, das Urgestein, Mister Schalke, das lebende Maskottchen. Die lebende Ikone! Ich hätte weiche Knie kriegen müssen, aber dazu ging alles viel zu schnell. Er lächelte freundlich und drückte mir ganz selbstverständlich und sehr unbefangen und herzlich die Hand. Ein toller Moment. Ein einmaliges, wertvolles Erlebnis. Als ich am 11. November 2008 vom Charlys Tod erfuhr, schossen mir sofort ein paar Tränen in die Augen. Ich dachte an diese kurze Begegnung mit ihm und war dankbar, ihn einmal persönlich getroffen zu haben.

Als Schalke 1988 zum dritten Mal abstieg, mit Toni Schumacher im Tor und „Dual“ auf der Brust, ging Charly sofort zu den Fans in der Nordkurve, er ging am Zaun entlang, er munterte sie auf, er nahm einige minutenlang in den Arm und tröstete sie unter Tränen. Das alles war damals im ZDF-Sportstudio zu sehen. „Wir steigen wieder auf“, stammelte er trotzig. Authentischer, ehrlicher, direkter konnte Trost nicht sein. Zumal Charly selber am Boden zerstört war. Es dauerte dann auch drei lange Jahre, bis die Knappen zurückkehrten.

Charly war ja ein Nicht-Fußballer, aber man musste ihn einfach gern haben. Er war ein Unikum, der gelernte Bäckermeister. Ein unbefangener Gute-Laune-Bär, ein Betreuer im altmodischen Sinne, einfach ein Mensch! Charly fehlt heute der Bundesliga, darin sind sich alle einig. Fast 60 Jahre war er Klubmitglied, das ist kaum noch zu toppen. Charly ist zurecht in der „Hall of Fame“.

Und es gibt jetzt auch noch ein neues Buch über das Phänomen Charly Neumann. Geschrieben hat es der Sportjournalist Helmut Holz, der den S04 rund 25 Jahre für die „Ruhr-Nachrichten“ begleitet hat. Das Büchlein kommt hier und da etwas schlicht daher, der Stil ist bisweilen hölzern, einige Anekdoten sind etwas banal, aber okay. Man ist einfach froh, dass es etwas über Charly gibt. Dass er entsprechend gewürdigt wird. Denn das hat er einfach verdient! Die Geschichten laden ein zum Schmökern, Blättern und Erinnern. Sie handeln von den turbulenten Jahreshauptversammlungen, von Rudi Assauer, von treuen DDR-Fans aus Magdeburg, von Werbeverträgen für Schlankmacher und von Reporterpech. Immer wieder wird darin deutlich wie grundehrlich Charly war. Dieser Mann war ein echtes Vorbild und das Wichtigste: er war „typisch Schalke“.


„Charly: …Nur was gut ist für Schalke“. Erlebnisse und Begegnungen mit dem FC Schalke 04 von Helmut Holz. 112 Seiten, Schnell Verlag, Warendorf, 9,90 Euro.

Leserbrief an footage

Autor: Erik Wegener

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