Ich habe einen Kumpel, Denis, mit dem verstehe ich mich richtig gut. Stundenlang können wir sozialkritische Diskurse führen, Musik und Filme zerreden oder einfach beim Bierchen dummes Zeug verzählen. Was Kumpels eben so machen. Besonders an unserer Freundschaft ist auch, dass wir beide unser Fußballherz an denselben Verein verloren haben: Die Borussia aus Mönchengladbach.
Unsere Leidenschaft für die Raute – die bei mir fraglos tief verwurzelt ist und folglich auch Einfluss auf mein alltägliches Befinden hat – hat in der Vergangenheit nicht selten zu recht abstrusen Situationen geführt. Öfter kam es vor, dass sich Denis und ich bierseelig fachsimpelnd über Taktik, Trainer und Stürmer ausgelassen haben. Was Fans eben so machen. Bloß konnte das ganze bei mir auch schon mal zu einem zeitweisen Realitätsverlust führen, so dass ich irgendwann sämtliche Diskussionen mit dem Satz „So geht das nicht weiter mit dem Lienen! Ich muss mal ein ernstes Wort mit dem Christian reden“, beendet habe. Gemeint war Borussen-Manager Christian Hochstätter. Der natürlich fraglos nie mit mir telefoniert hat – und es jetzt wohl fraglos auch nicht mehr tun wird. (Vielleicht sollte ich auch – ganz Fähnlein im Winde – auf der Geschäftsstelle im Borussia-Park schon mal meine Handynummer für Peter Pander hinterlegen?)
Meine Realitätsprobleme führe ich auf meine Geburt zurück. Recht grundlegend, zugegeben, aber durchaus berechtigt, wie ich meine. Ich habe nämlich so etwas wie die Ungnade der späten Geburt und wurde bereits kurz nach Verlassen des schützenden Mutterleibs vom seeligen Herrn Papa im Borussentrikot abgelichtet. Als Jahrgang 78 sind die glorreichen Fohlen-Zeiten mit Netzer, Wimmer, Heynckes und Simonsen für mich leider nur Heldensagen, die mir mein Vater, einem Initiierungsritus gleich, immer wieder mit glänzenden Augen erzählt hat. Das ist nicht weiter schlimm, schließlich hat es seine Wirkung ja nicht verfehlt. Und dennoch, meine persönliche Borussia ist eine andere. Meine Borussia, das ist die Gerd vom Bruch- und Bernd Krauss-Borussia, mit Spielern wie Bruns, Criens, Kamps oder Nielsen, mit Dahlin, Andersson oder Wynhoff. Und eben auch mit Christian Hochstätter. Den Mann habe ich verehrt. Nach Spanien hätte er damals gehen können, den wirklich großen Fußball erleben. Doch er blieb der Borussia, er blieb mir treu. Als er `99 dann den Managerposten übernahm, war der Club praktisch zahlungsunfähig und in die Zweite Liga abgestiegen. Er hat seine und meine Borussia gerettet und ihr ein neues Stadion gebaut. Sicher hat er einiges falsch gemacht, aber auch vieles richtig.
Christian Hochstätter, nach Howard Carpendale mit dem Spitznamen „Howie“ ausgestattet, hat 23 Jahre lang für die Borussia die Knochen und jetzt auch den Kopf hingehalten. 23 Jahre VfL! Vielleicht sollte ich den Christian wirklich mal anrufen….wenn ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist. Dann wähle ich seine Nummer, er nimmt den Hörer ab und ich sag: „Hello again.“



